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Artikelserie Permakultur Artikel 1 von 8 Einführend

Permakultur beschreibt ein ganzheitliches Designkonzept für Garten, Landwirtschaft und Siedlungsraum, das natürliche Kreisläufe nachahmt, Ressourcen schont und Biodiversität aktiv fördert. Dieser Artikel legt die historischen, ethischen und wissenschaftlichen Grundlagen. Thematisch könnte Sie auch die Artikelreihe Ökoponik interessieren.


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1. Begriff und Ursprung

Der Begriff Permakultur ist ein Kunstwort, das die australischen Agrarwissenschaftler Bill Mollison und David Holmgren in den 1970er Jahren aus den englischen Wörtern permanent und agriculture zusammensetzten. Schon früh erweiterten sie das Konzept um den Begriff culture, um zu verdeutlichen, dass nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch soziale und kulturelle Systeme gemeint sind.[1]

 

Mollison und Holmgren veröffentlichten 1978 ihr erstes gemeinsames Werk Permaculture One, in dem sie ein Design-Framework vorlegten, das natürliche Ökosysteme als Vorbild für menschliche Siedlungen und Anbauflächen nutzen sollte. Mollisons Hauptwerk Permaculture: A Designers' Manual (1988) gilt bis heute als Standardreferenz des Feldes.[2]

„Permakultur ist die bewusste Gestaltung und Pflege landwirtschaftlich produktiver Ökosysteme, welche die Vielfalt, Stabilität und Belastbarkeit natürlicher Ökosysteme besitzen."

Bill Mollison, Permaculture: A Designers' Manual, 1988, S. ix

Holmgren legte 2002 mit Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability eine systematisierte Prinzipiensammlung vor, die seither breite Verbreitung gefunden hat.[3] Das internationale Permakultur-Netzwerk verbindet heute Praktizierende in über 140 Ländern.[4]


 

2. Abgrenzung zum konventionellen Gartenbau

Konventioneller Gartenbau und industrielle Landwirtschaft arbeiten überwiegend mit monokulturellen Anbauformen, synthetischen Inputs und energieintensiven Bearbeitungsmethoden. Permakultur hingegen orientiert sich an mehrjährigen, gemischten Systemen mit geschlossenen Kreisläufen.

Tabelle 1: Strukturvergleich konventioneller Gartenbau und Permakultur
MerkmalKonventionellPermakultur
Artenvielfalt Gering (Monokultur) Hoch (Polykulturen, Guilden)
Bodenpflege Tiefpflügen, Kunstdünger Mulch, Kompost, No-Till
Energieeinsatz Hoch (fossil) Niedrig (intern zyklisch)
Planungshorizont Saisonal Mehrjährig / generationsübergreifend
Schädlingsmanagement Chemisch reaktiv Biologisch präventiv (Push & Pull)
Systemlogik Linear (Input → Output → Abfall) Zyklisch (geschlossene Kreisläufe)

Integrierte Landwirtschaft, ökologischer Landbau (EU-VO 2018/848) und regenerative Anbausysteme teilen einzelne Merkmale mit der Permakultur, ohne ihr Design-Gesamtkonzept zu übernehmen.[5]


 

3. Die zwölf Designprinzipien nach Holmgren

Holmgren formulierte 2002 zwölf Prinzipien als universelles Planungsgerüst. Sie sind nicht als starre Regeln, sondern als heuristische Orientierungspunkte zu verstehen, die kontextabhängig gewichtet werden.[3]

Prinzip 1
Beobachten und interagieren

Muster erkennen, bevor Lösungen entworfen werden.

Prinzip 2
Energie sammeln und speichern

Ernte in Zeiten des Überflusses; Puffer für Knappheitsperioden aufbauen.

Prinzip 3
Ertrag erwirtschaften

Jedes System muss nützliche Ergebnisse erzeugen, die die Beteiligten belohnen.

Prinzip 4
Selbstregulation anwenden

Negative Rückkopplungen nutzen, um das System langfristig stabil zu halten.

Prinzip 5
Erneuerbare Ressourcen nutzen

Abhängigkeiten von erschöpfbaren Inputs reduzieren.

Prinzip 6
Keinen Abfall erzeugen

Alle Outputs eines Elements sind Inputs für ein anderes.

Prinzip 7
Von Mustern zu Details

Erst großräumige Muster planen (Topographie, Klima), dann Details ausarbeiten.

Prinzip 8
Integrieren statt trennen

Richtige Beziehungen zwischen Elementen erzeugen synergistische Funktionen.

Prinzip 9
Kleine, langsame Lösungen

Kleine Systeme sind einfacher zu erhalten und verursachen geringere ökologische Schulden.

Prinzip 10
Vielfalt nutzen und schätzen

Diversität reduziert Vulnerabilität und erhöht Systemresilienz.

Prinzip 11
Ränder nutzen

Ökotone (Grenzzonen zwischen Ökosystemen) sind besonders produktiv und artenreich.

Prinzip 12
Kreativ auf Veränderung reagieren

Wandel als Ressource begreifen; anpassungsfähige Systeme gestalten.


 

4. Wissenschaftlicher Rahmen

4.1 Agroökologie

Die Agroökologie liefert den wissenschaftlichen Unterbau für viele Permakultur-Praktiken. Sie untersucht, wie ökologische Prinzipien auf Agrarsysteme angewendet werden können, um deren Nachhaltigkeit, Produktivität und Resilienz zu erhöhen.[6] Der Agrarwissenschaftler Miguel Altieri definiert Agroökologie als die Anwendung ökologischer Konzepte und Prinzipien zum Design und zur Steuerung nachhaltiger Agrar-Ökosysteme.[7]

Eine Meta-Analyse von Ponisio et al. (2015) wertete 5.521 Vergleichspaare aus und stellte fest, dass polykulturbasierter ökologischer Anbau den Ertragsunterschied zu konventionellen Systemen erheblich verringert.[9]

4.2 Resilienzforschung und Systemdenken

Aus der Resilienzökologie stammt der Begriff der ökologischen Resilienz, definiert als die Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung in seine ursprüngliche Funktionsweise zurückzukehren.[10] Permakultur-Design zielt explizit auf hohe Resilienz: durch Redundanz (jede Funktion wird von mehreren Elementen erfüllt), Diversität (viele Arten puffern Ausfälle ab) und Vernetzung (Nährstoffflüsse zirkulieren intern).

4.3 Multifunktionalität als Designziel

Multifunktionale Landnutzungssysteme liefern empirisch nachweisbar mehr Ökosystemleistungen pro Flächeneinheit als funktional spezialisierte Monokulturen.[12] Im Permakultur-Design gilt: Jedes Element soll möglichst viele Funktionen erfüllen; jede Funktion soll von möglichst vielen Elementen abgedeckt werden.


 

5. Ethische Grundhaltung

Mollison und Holmgren formulierten drei ethische Grundhaltungen als normatives Fundament der Permakultur:

Earth Care — Sorge für die Erde
Natürliche Systeme erhalten und regenerieren; Eingriffe auf das notwendige Minimum beschränken.
People Care — Sorge für die Menschen
Lokale Gemeinschaften stärken, Grundbedürfnisse sichern, Wissen zugänglich machen.
Fair Share — Gerechte Verteilung
Überschüsse teilen, Konsum begrenzen, zukünftige Generationen berücksichtigen.

Diese Ethik-Trias findet Anklang in der EU-Biodiversitätsstrategie 2030, die die Förderung naturbasierter Lösungen und den Schutz von mindestens 30 % der europäischen Land- und Meeresfläche anstrebt.[13]


 

6. Einstieg in die Praxis

Der Einstieg beginnt idealtypisch nicht mit dem Spaten, sondern mit der Beobachtung (Prinzip 1). Empfohlen wird, einen vollständigen Jahreszyklus zu beobachten, bevor größere Umgestaltungen vorgenommen werden. Folgende Bestandsaufnahme hat sich bewährt:

Bestandsaufnahme vor Planungsbeginn
  1. Standortanalyse: Sonnenverlauf, Windrichtungen, Wasserabfluss, Bodenbeschaffenheit.
  2. Bestandspflanzen: Welche Arten wachsen bereits — spontan oder kultiviert?
  3. Klimazone: USDA-Härtezone, Spätfrostrisiko, Niederschlagsverteilung.
  4. Ressourcen: Verfügbare Zeit, Budget, Infrastruktur (Wasser, Strom, Lagerfläche).
  5. Ziele: Angestrebter Selbstversorgungsgrad, Biodiversitätsförderung, Erholung.
  6. Einschränkungen: Pacht, Bebauungsplan, Nachbarschaft, körperliche Voraussetzungen.

Die weiteren Artikel dieser Serie behandeln: das Zonenkonzept (Artikel 2), Mischkulturen und die Freund-Feind-Matrix (Artikel 3), Bodenaufbau und Hügelbeete (Artikel 4), Kräuterspiralen (Artikel 5), Schädlingsmanagement mit Push & Pull (Artikel 6) sowie ein interaktives Pflanzauswahl-Werkzeug (Artikel 7).


 

Literatur und Quellen

  1. Mollison, B. & Holmgren, D. (1978). Permaculture One. International Tree Crop Institute.
  2. Mollison, B. (1988). Permaculture: A Designers' Manual. Tagari Publications, Tyalgum.
  3. Holmgren, D. (2002). Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability. Holmgren Design Services.
  4. Permaculture Research Institute (2023). Global Permaculture Network. permaculturenews.org.
  5. Verordnung (EU) 2018/848 über die ökologische/biologische Produktion. Amtsblatt der EU, L 150/1.
  6. Gliessman, S. R. (2007). Agroecology: The Ecology of Sustainable Food Systems. 2. Aufl. CRC Press.
  7. Altieri, M. A. (1995). Agroecology: The Science of Sustainable Agriculture. 2. Aufl. Westview Press.
  8. Kremen, C. & Merenlender, A. M. (2018). Landscapes that work for biodiversity and people. Science, 362(6412).
  9. Ponisio, L. C. et al. (2015). Diversification practices reduce organic-to-conventional yield gap. Proceedings of the Royal Society B, 282(1799).
  10. Holling, C. S. (1973). Resilience and stability of ecological systems. Annual Review of Ecology and Systematics, 4, 1–23.
  11. Meadows, D. H. (2008). Thinking in Systems: A Primer. Chelsea Green Publishing.
  12. Sandhu, H. S. et al. (2008). The future of farming. Ecological Economics, 64(4), 835–848.
  13. Europäische Kommission (2020). EU-Biodiversitätsstrategie für 2030. COM(2020) 380 final.
  14. Bild: Album Vilmorin. The vegetable garden (1850-1895) 

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